Zeitarbeit ist eine Bremer Erfindung

Von Miriam Keilbach

Bremen. 'Es ist Zeit zu begreifen, dass Zeitarbeit nur eine flexiblere Form konventioneller Arbeitsverhältnisse darstellt', sagte Günter Bindan einst. Er war es, der die Zeitarbeit in Deutschland erfand - nicht so, wie sie jetzt ist, und eher per Zufall. Heute leitet einer seiner Söhne das Unternehmen, das er vor 50 Jahren aufbaute. Sohn Rainer ist erfolgreich: Als einziges Zeitarbeitsunternehmen schrieb die Partner-Gruppe 2009 schwarze Zahlen und in der kommenden Woche wird der 2000. Mitarbeiter eingestellt.

Bindan

Mittlerweile hat die Partner-Gruppe 50 Niederlassungen in ganz Deutschland. Das Bild zeigt (von links) die geschäftsführenden Gesellschafter Rainer Bindan und Rudolf Gabrielczyk.

Das Erfolgsprinzip ist simpel: Von Beginn an stellte Günter Bindan in seiner damals noch gleichnamigen Firma fast ausschließlich Fachkräfte ein, keine Hilfsarbeiter. Diesen Grundsatz führt sein Sohn mit dem unmittelbaren Rechtsnachfolger, der Partner-Gruppe, fort. Die Nachfrage nach Fachkräften war auch in der Wirtschaftskrise vorhanden. Aus diesem Grunde würden die Mitarbeiter übertariflich bezahlt, sagen die Geschäftsführer und fügen hinzu, dass sämtliche Verträge bei Partner unbefristet seien. 'Einen hochqualifizierten Ingenieur muss man gut behandeln, sonst geht er wo anders hin', sagt einer der beiden Geschäftsführer der Partner-Gruppe, Rudolf Gabrielczyk.

Diese Aussage unterstützt eine Studie des Marktforschers Lünendonk. Demnach liegt Partner mit einem Jahresumsatz von 50 Millionen Euro 2009 auf Rang 23 der 25 führenden Zeitarbeitsunternehmen in Deutschland. Als einzige Firma auf der Liste schrieb sie positive Zahlen, mit einem Plus von 11,1 Prozent gegenüber 2008, und stellte sogar über 300 neue Mitarbeiter ein, während 23 Firmen entlassen mussten.

Sicherer Arbeitsplatz

Heute hat Zeitarbeit noch immer einen schlechten Ruf. Obwohl Zeitarbeitsfirmen häufiger kontrolliert werden als beispielsweise das Bauhauptgewerbe, gibt es Unternehmen, die ihre Mitarbeiter ausnutzen. Wenn die Geschäftsführer Rainer Bindan und Rudolf Gabrielczyk auf ihre Firma, die Partner/Orange-Gruppe schauen, können sie das schlechte Image nicht verstehen. 'Ja, es gibt schwarze Schafe in unserer Branche, die Dumpinglöhne zahlen und ihre Mitarbeiter gleich wieder entlassen. Aber die gibt es überall. Bei uns haben die Mitarbeiter einen sicheren Arbeitsplatz', erklärt Bindan. Von den Unternehmen, die die Arbeit von 'Partner in Anspruch nehmen, seien nur noch zwei übrig, die es schon 1960 gab. Damit sind die Arbeitsplätze bei der Zeitarbeitsfirma stabiler als die in einem gewöhnlichen Unternehmen.

Horst Stelljes arbeitet seit 1982 als Gas-Wasser-Installateur bei Partner und ist damit dienstältester Mitarbeiter. Eigentlich sollte die Zeitarbeit nur eine Übergangslösung sein, 'aber ich bin zufrieden', sagt der 62-Jährige, der auch angibt, dass es sich finanziell nicht gelohnt hätte, von Partner wegzugehen. Immer hat er Vollzeit gearbeitet, nur einmal hatte er vier Wochen Wartezeit. 'Außerdem habe ich unheimlich viel gelernt, weil wir so unterschiedliche Projekte hatten', berichtet der Osterholzer.

Auf diese Abwechslung im Berufsalltag legen Bindan und Gabrielczyk viel Wert. Monteure können beispielsweise zu Auslandseinsätzen nach New Orleans, Brasilien oder Spanien. Außerdem bietet man den Mitarbeitern Weiterbildungen an, unter anderem Meisterprüfungen. Im kaufmännischen Bereich bildet Partner aus. Diese soziale Philosophie hat Rainer Bindan von seinem Vater. Der arbeitete damals als Speditionskaufmann bei Rosebrock und fuhr die Einrichtung einer Hertie-Filiale von Stuttgart nach Bremen. Der Kunde habe ihm gesagt: 'Unsere Kaufhauseinrichtung transportieren können Sie, aber ein paar vernünftige Schreiner, die mithelfen können, haben Sie wohl nicht.'

Um den Kunden zufriedenzustellen, ging Bindan zum Luftschutzbunker an den Bremer Hauptbahnhof. 'Das war ein bekannter Treff für Wohnungslose. Mein Vater hat einfach gefragt, wer gelernter Tischler sei und fand tatsächlich drei', erzählt Sohn Rainer. Die Tischler blieben bei Bindan, fuhren mit ihm quer durch Deutschland auf Montage und es kamen immer mehr Arbeitskräfte hinzu. Im Gegensatz zu anderen Arbeitern waren Bindans Leute bereit, deutschlandweit mitzuhelfen.

Gleichzeitig kümmerte sich Günter Bindan um die sozialen Belange seiner Mitarbeiter. Viele waren überschuldet, als sie bei Bindan anfingen, der seinen Speditionsjob schon bald kündigte. Der Chef, der 1990 verstarb, erreichte einen Teilerlass und lieh seinen Mitarbeitern das Geld, um die Gläubiger auszuzahlen. Einer der allerersten Monteure ging vor fünf Jahren in den Ruhestand.

Büro im Schweinestall

Bei seiner Privatwohnung in Huckelriede richtete Günter Bindan vor 50 Jahren sein Büro ein - in einem angrenzenden Schweinestall. Seine ehemalige Sekretärin Anita Tietje erzählt, dass es zwar keine Schweine mehr gab, 'aber Mäuse und Ratten rannten oft noch durchs Büro'. Heute hat die Partner-Gruppe ihren Hauptsitz in Vegesack und 50 Niederlassungen in ganz Deutschland. 1978 eröffnete die erste Niederlassung in Solingen, zuvor fuhren die Mitarbeiter immer auf Montage quer durchs Land. Die Mitarbeiterzahl wuchs von einer Handvoll auf 2000, 300 davon sind in Bremen beschäftigt. Dort sitzt nicht nur die Geschäftsführung, sondern auch die gesamte Verwaltung mit 26 Beschäftigten.

Um Zeitarbeit familienfreundlich zu gestalten, gehen die Angestellten nicht mehr so häufig auf Montage. Die Geschäftsführung achtet darauf, dass Norddeutsche auch bevorzugt in Norddeutschland Arbeit haben. Partner ist in den Bereichen Elektrotechnik, Kraftwerksbau, Bahntechnik, Vorrichtungsbau, Flugzeugbau, Office und Schiffbau tätig. Das nächste Bremer Projekt ist ein 180 Meter langes Schiff. Im Sommer sollen die Männer und Frauen von Bindan anrücken.

Bindan selbst versteht etwas vom Handwerk. Er ist gelernter Möbeltischler, während Gabrielczyk Betriebswirtschaftler ist. 'Deshalb klappt die Zusammenarbeit so gut', sagt Gabrielcyzk, der erst 2007 ins Unternehmen kam. Obwohl die Firma Bindan vor fünf Jahren an Marktführer Randstad verkauft wurde, bleibt Partner der rechtliche Nachfolger von Günter Bindans Unternehmen. Partner soll in Familienbesitz bleiben. 'Das bleibt auch die nächsten Generationen über so. Zwar arbeiten meine Kinder nicht hier, aber überall sitzt ein Bindan', sagt Rainer Bindan und lächelt seinem Neffen durch die Glaswand zu. Er soll die Firma fortführen.

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